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Kampf der Linie gegen die Fläche Bernhard Edmaiers Landschaftsfotografien von den Nullpunkten dieser Welt Als die Maler des Informel in den Jahren nach dem Krieg den Widerhall der Zerstörungen und die innere Zerrissenheit einer ganzen Generation auf ihre Leinwände warfen, sie in die zentimeterdick aufgetragene Farbe das Trauma einer Nation kratzten und dadurch Spannungen und Abgründe buchstäblich in den Formenkanon der Kunst übernahmen, da fiel den Kritikern bisweilen nichts ein, als von Landschaften zu sprechen und diese explosiven Darstellungen eines aufgewühlten Seelenlebens als gefrorene Meere, trostlose Wüsten und ausbrechende Vulkane zu beschreiben. Heute werden die schockierenden Bilder von damals nicht selten allein unter ästhetischen Aspekten betrachtet. So vertraut ist uns die Sprache der abstrakten Kunst, so angenehm auch, dass wir längst begonnen haben, überall nach deren Schönheit zu suchen; nicht zuletzt in der Natur. Die mehr als hundert Landschaftsbilder von Bernhard Edmaier, die in dem Bildband "Geo Art" gefrorene Meere, trostlose Wüsten und ausbrechende Vulkane zeigen, lassen sich deshalb auch ganz und gar ungegenständlich schildern. Es ringen Formen miteinander, kämpfen Linien gegen Flächen, ergießen sich Ströme von Farbe, blättern Schichtungen ab, lösen sich Konturen auf und reiße Texturen. Naturdarstellungen werden gleichsam zu Seelenlandschaften. Bernhard Edmaier ist studierter Geologe und gelernter Fotograf. Seine ersten Bücher waren noch solch fassbaren Themen wie Vulkanen und Gletschern gewidmet, es waren Sachbücher von erregender Schönheit. Für "Geo Art" hat er die Schwerpunkte vertauscht. Nun steht die künstlerische Dimension im Vordergrund. Was er versucht, ist "die faszinierende Ästhetik einer dynamischen Erde zu visualisieren". Dazu geht Edmaier in die Luft. Aus Hubschraubern und Flugzeugen heraus fotografiert er lotrecht auf die Welt, vorzugsweise dort, wo niemand lebt oder leben kann. So folgen in dem Band zerrissene Schollen im Packeis der gekräuselten Struktur von Lavafeldern, Dünen wie hingestreichelt im Nirgentwo der Wüste Namib auf die erodierten Sandsteinfelsen in Amerikas Südwesten: Beispiele all dies für Naturgewalten, die seit Anbeginn die Erde formen - Momentaufnahmen eines Gezeitenstroms, den man in Jahrzehnten messen muß, bisweilen in Jahrtausenden. Dennoch kann ein Landschaftsbuch nicht zeitgemäßer sein als dieses. Denn es ist mehr als die Bestandsaufnahme der letzten Wildnisse, es vermittelt zugleich ein Weltbild auch im übertragenen Sinn des Wortes. Edmaiers Darstellung des vermeintlichen Ewigen wird zur aktuellen Standortsuche unserer Zeit. Dabei berührt er Themen wie die vielbeklagte Vereinsamung in einer angeblich gefühlskalten Gesellschaft und die modische Entdeckung einer lebensbereichernden Langsamkeit. Er spielt mit der esoterischen Vorstellung von der spirituellen Energie bestimmter Orte - und er fragt nach dem möglichen Erkenntnisgewinn aus einer Verquickung von Poesie und Wissenschaft, wenn er in der "Abstraktheit der Strukturen, die Natur hervorbringen kann", Gesetzmäßigkeiten bloßlegt. Immer wieder kippen die Bilder zwischen aufgewühlter Emotion und nüchterner Dokumentation. Es ist ein doppeltes Spiel, das Edmaier meisterhaft beherrscht - und es ist wohl mehr als nur ein Reiz. Dahinter verbirgt sich eine Weltsicht des "Dennoch". Die Fotos besitzen meditative Qualitäten, verbreiten zugleich aber Unruhe. Sie zeugen von Lust und von Askese, von Schwere und Leichtigkeit, Nähe und Distanz, Leben - und Tod. Und auch das macht sie aktuell: Sie führen an die Nullpunkte der Welt, in Regionen, in denen der Betrachter glaubt, dem Gewicht der eigenen Geschichte entkommen zu können, zu Orten, an denen es keinen Verweis auf früher gibt, dass man meint, von dort aus müsse man unbeschwert Neues schaffen können - kurz: Man glaubt, dies müssten die Traumorte am Ende eines Jahrtausends sein. Aber noch einmal kippt das Bild, denn natürlich ist den Aufnahmen auch zu entnehmen, dass die Geologie ihre eigene Geschichte hat, ihre eigenen Prozesse. Ständig wird die Oberfläche neu modelliert. Was wir sehen, sind keineswegs Momente von Ruhe, sondern ausnahmslos Landschaften im Umbruch. Die Schnelligkeit unserer Zeit konterkariert Edmaier mit der Zeit geologischer Dimensionen. Und auch das ist ein Kommentar, denn er überführt damit die Zeit, die Welt und ihre Schönheit in die Beliebigkeit. Was bleibt, ist Sehnsucht. (Freddy Langer, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 6.10.98) In weiter Ferne so nah Kürzlich war ich in London, in der Tate Modern...Ich kam auch an einem Steinkreis vorbei, zerklüftetes Gestein lag auf dem Boden, an der Wand ein Gemälde mit dem Titel "Waterfalls". Wir sind außen herum gelaufen, in die Knie gegangen, haben uns das Werk ganz nah angeschaut, die weißen Adern im Fels, das Gebirge aus Stein, die scharfen Kanten. Ist das Natur? Eine künstliche Natur ohne Menschen? Menschen und schon gar Menschenmassen sind nicht auf Bernhard Edmaiers Fotografien zu sehen. Auch er war kürzlich in London, hat er mir gesagt, in diesem Museum, drei Tage hintereinander. Richard Longs Steinkreis ist eine seiner Lieblingsarbeiten dort, neben Beuys, Kandinsky und Matisse. Matisse soll ja einmal zu seinen Schüler gesagt haben, sie sollen sich in ein Flugzeug setzen und die Welt von oben anschauen. Bernhard Edmaier gefällt diese Geschichte. Die Welt von oben... Es ist eine ungewöhnliche Welt auf Bernhard Edmaiers Bildern. Wüsten, Flüsse, Vulkane, Meer, Felsen, aufgenommen aus der Luft. Wer hat schon jemals die Osterseen so von oben gesehen, einen Eisstrom eines Gletschers in Alaska, einen Schmelzwassersee auf einem Vulkan in Island, die Schwemmebene im Kakadu- Nationalpark in Australien, die Sodaquellen in den Salzsümpfen von Tansania? Versucht da jemand, den Bauplan der Erde neu zu entschlüsseln, setzt statt auf ACTG auf Formen und Farben, Konstruktionen, die auch die Architekten ... interessieren könnten? Es gibt einen Unterschied: Architektur braucht den Horizont, Edmaiers Bilder können gut auf ihn verzichten. Denn das, was wir sehen, folgt vielleicht einem Bauplan, aber es ist nicht für Menschen entworfen. Die Erde in all ihren Schattierungen braucht den Menschen nicht. ...Mich spricht etwas an Bernhard Edmaiers Bildern an, was man nicht sehen kann. Es sind überaus mutige Bilder. Nicht weil er im Steilflug, durch den Sucher blickend, über brodelnde Vulkane durch turbulente Luftströmungen fliegt. Nein, weil er einer großen Versuchung widersteht. Keine "Mutter Erde"-Esotherik, keinen " die Welt ist doch so schön"-Romantik und keine "Rettet den Planeten"-Slogans stecken in den Bildern. Dafür kann man leicht Beifall ernten. Im Gegenteil: Wir sehen die zerstörerischen Prozesse der Erde, die Veränderungen der Oberfläche. Wir sehen ein Oszillieren von nah und fern, wir sehen, wie Landschaft aufhört Landschaft zu sein. Einen grün schimmernden Serpentinit, der an das Turiner Leichentuch erinnert. einen Salzsee wie ein Gemälde. Schriftzeichen in der Wüste. Edmaier, der Geologe, spielt mit nah und fern, mit Distanzen. Wir wissen nicht mehr, wo wir sind, wie weit weg wir sind, nicht wie groß oder klein das ist, was wir sehen. Die Erde wird zu einer Fläche, der Künstler verteilt im Sucher der Hasselblad Farben und Formen. Der Weg zur Malerei ist nicht weit. Und es ist noch ein Spiel. Ein Spiel mit der Zeit. Bernhard Edmaier (ganz Geologe) zeigt erdgeschichtliche Entwicklungen, die in Jahrmillionen ablaufen. Das ist der Grund, weshalb der Mensch nicht auftaucht. Seine Bilder sind ohne Menschen, weil deren Bedeutung im Vergleich zur geomorphologischen Entwicklung verschwindet. Der Mensch ist nicht der Mittelpunkt der Welt...Zeit verschwimmt hier, vielleicht verschwindet sie sogar. Ich will jetzt gar nicht fortfahren, die Arbeiten Bernhard Edmaiers ins Kunsthistorische oder gar ins Theoretische hoch zu ziehen. Hier ist... einer unterwegs, den der Sog der Abstraktion erfasst hat, gehalten wird er vom Wissen des Geologen... Das Weiße in Richard Longs Gestein in der Tate Modern sind übrigens Quarz- oder Calcitadern. Das Gestein selbst "Englischer Sandstein". Hat mir Bernhard Edmaier erzählt. Fragen Sie Ihn doch auch nach Beuys oder Kandinsky. Sie können viel lernen. (Aus der Rede von Hubert Filser anlässlich der Buchpräsentation "Atelier Erde. Farbstudien" und der Eröffnung der gelichnamigen Fotoausstellung in der Architekturgalerie München, August 2000.) Der Künstler über seine Arbeit Nachwort des Photographen, "Geoart - Kunstwerk Erde", BLV, München 1998 Verbirgt sich hinter GeoArt nur eine nüchterne Visualisierung von verschiedenen Oberflächenstrukturen der Erdkruste, oder ist es Landschaftsfotografie auf der Suche nach verborgenen Naturschönheiten, eine Bilderreise durch die vermeintlich bekannte Welt zu den Relikten einer Terra inkognita? Unter Landschaftsfotografie verstehe ich nicht die geschmäcklerische Inszenierung von "malerischen" Landschaften, ebenso wenig wie den Versuch, den Mythos der unberührten Natur aufrecht zu erhalten. Vielleicht läßt sich meine Intention am besten mit einem Zitat des berühmten Kollegen Andreas Feininger ausdrücken: "Ich beobachte die Objekte der Natur zuerst mit den Augen eines Ingenieurs, der fasziniert ist von den Beziehungen zwischen Form und Funktion, und danach mit den Augen des Künstlers auf der Suche nach dem, was wir gemeinhin als "Schönheit" benennen, da wir keine präzisere Definition für dieses Phänomen haben." Bei der Realisierung des Fotoprojekts GeoArt habe ich mich über eine anthropozentrische Sichtweise, auch wenn sie in unserer Branche zum Maß aller Dinge geworden ist, bewußt hinweggesetzt. Denn gerade in schwer zugänglichen, dem Menschen feindlichen Gegenden hat die "unbelebte" Natur ihre unglaubliche Formenvielfalt bewahrt. Verstärkt wird mein Engagement durch die tröstliche Erkenntnis, daß der gute Mensch in diesen Regionen noch gänzlich unbedeutend ist. Die alte ewige Lust, die Welt von oben zu betrachten, beeinflußt auch meine fotografischen Ambitionen. Erst aus der Vogelperspektive erschließen sich die Dimensionen und die Abstraktheit der Strukturen, die die Erde hervorbringen kann. Sind es nun Produkte von Gesetzmäßigkeiten oder Kunstwerke des Zufalls - unser Planet wird zum ästhetischen Faszinosum.