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Die hohe Kunst des Fotogramms Gewiss, das Fotogramm ist ein altes, bekanntermaßen kameraloses fotografisches Verfahren. Wer wollte dennoch verneinen, dass es nicht weiter entwickelt werden kann. Aber wie? Aufmerken lassen die Fotogramme von Ulf Saupe, der mit jungen Jahren selbstbewusst und überaus erfolgreich in die Fußstapfen seines akademischen Lehrers Floris M. Neusüss getreten ist. Nach Abitur, Zivildienst und einem kürzeren Intermezzo in Germanistik und Anglistik kam er über die Kunsthochschule Kassel an die dortige Gesamthochschule, wo er zunächst visuelle Kommunikation studierte, bevor er zur Bildenden Kunst wechselte, um sich auf das Studium bei Floris M. Neusüss einzulassen. Wie es aussieht, hat er hier schnell für sich die Möglichkeiten des Fotogramms erschlossen und diese eigenständig ausgebaut. Gewisse Einflüsse der Kasseler Schule, wie man sie nennen könnte, sind nicht zu übersehen, speziell bei den Körperbildern, bei denen die Personen in realer Größe mit dem Fotopapier in Kontakt kommen. Auffällig ist aber zugleich die Konzentration auf intensive Farben und damit die deutliche Distanz zu dem von seinem Lehrer variantenreich ausgereizten Schwarz-Weiß. Ulf Saupe aber geht noch entschieden weiter und forciert das Spontane. Der Zufall spielt beim Fotogramm generell eine beträchtliche Rolle, weil sich bestimmte Ergebnisse nicht wiederholen lassen. Die für das Zustandekommen der Bilder maßgebenden Parameter, also die Lage der Objekte, die Führung des Lichtes etc., lassen sich nicht in immer gleicher Folge abrufen. Damit wird das Fotogramm zu einem nicht reproduzierbaren Verfahren. Mit frischem Appeal Ulf Saupe potenziert nun diese unbestimmbaren Parameter und macht das Spiel mit den Unwegsamkeiten zum Ziel. Anstelle auf weitestgehend kontrollier- und steuerbare Prozesse zu bauen, geht er das volle Risiko des Misserfolgs ein, das sich mit dem von ihm bewusst angelegten intuitiven Arbeiten einstellt. Bietet der absolut dunkle Raum, in dem er sich mit dem lichtempfindlichen Fotopapier befindet, schon an sich genügend unsichere Bedingungen, so verschärft er diese noch, indem er mit unterschiedlichsten Lichtquellen arbeitet. Dazu gehören fluoreszierende Strahlungen von Phosphor als von ihm für die Fotografie neu entdeckte Lichtquelle, die er mit elektrisch erzeugtem und teils mit Filtern gesteuertem Licht aus den unterschiedlichsten Quellen ergänzt. Außerdem ein Laserpointer, mit dem er gewissermaßen auf dem Papier malt. Die Vorstellung des Malens mit Licht ist Ulf Saupe deshalb – das sei hier angemerkt – nicht fern. Insgesamt summieren sich nach und nach zwischen zehn und dreißig Einzelbelichtungen, die letztlich mit der Empfindlichkeit des Fotopapiers harmonieren müssen. Das macht die Erfassung der erforderlichen Gesamtbelichtungzeit für das jeweilige Fotopapier schlichtweg unkalkulierbar. Folglich finden Automatismen ihren Lauf, auf die der Künstler nur schwerlich kontrolliert Einfluss nehmen kann. Was bleibt, ist die Intuition und die Erfahrung, die er aus den zahlreichen Arbeitsgängen gewonnen hat und die das Fotogramm für ihn zu einem halbwegs kalkulierbaren Prozess machen. Insofern spielt er in vollem Bewusstsein mit dem Zufall, der dem ganzen Arbeitsprozess innewohnt. Dabei ist jedoch, wie die motivisch und vor allem farblich faszinierenden Ergebnisse zeigen, das „Glück des Tüchtigen“ auf seiner Seite. Hochspannung Bei der Serie plusminus, die in Verbindung mit dem Unternehmen Alstom Hochspannungstechnik in Kassel entstand, verarbeitete er seine theoretischen Überlegungen zur Elektrizität, die er als allgegenwärtig begreift. Wie Elektrizität unsichtbar ist und allein an den Ergebnissen sichtbar wird, versteht er auch sein Arbeiten mit den Fotogrammen. Geben sich doch die Wirkungen der einzelnen Arbeitsschritte erst ganz am Ende, wenn das Fotopapier aus der Entwicklung kommt, zu erkennen. In Anlehnung an die Physik der Elektrizität brachte er bei seinen Überlegungen das Phänomen Licht mit dem Pol Plus und die von ihm einbezogenen Objekte mit dem Pol Minus in Verbindung. Im Ergebnis vermischen sich Licht und Objekte in den Bildern. Seine theoretisch-philosophischen Vorstellungen kreisen momentan um das Phänomen der „Schwarzen Sonne“, dem Wechselspiel aus Dunkelheit (vergleichbar mit seinem Tätigwerden im absoluten Dunkel des Arbeitsraumes) und der Neugeburt des Lichtes (vergleichbar mit dem Erstrahlen der von ihm durch kurze Flashs erzeugten Bilder). Ob und wie sich diese Überlegungen in zukünftigen Fotogrammen widerspiegeln werden, wird sich zeigen. Viel Zukunft ist allemal zu erwarten. Dr. Enno Kaufhold